«

»

Dec 10

Der Job eines Typ 1 Diabetikers, Teil 1

Einschätzen, Voraussehen, Rechnen… und Fühlen nicht vergessen.

Wie steuerst du das, was fleißige Betazellen und etliche Einflussfaktoren für dich unbemerkt in deinem Körper steuerten, wenn du kein Typ 1 Diabetiker wärst…

Als Pen- und ICT-Anwender machst du es in etwa so:

Du spritzt ein- bis dreimal am Tag Basisinsulin, das für die Grundversorgung deines Körpers sorgt.
Bei Bedarf passt du die Basalrate an aktuelle Gegebenheiten, wie zum Beispiel körperliche Betätigung, an.

Hinzu kommt das, was die Sache komplizierter macht: Die Berechnung deines Bolusinsulins, das für die Abarbeitung deiner Mahlzeiten und für Korrekturen bei zu hohem Blutzuckerwert zuständig ist. Diese jeweils maßzuschneidernden Berechnungen machst du mehrmals täglich.

bought pic calculate Bild: © Sergey Nivens – Fotolia

Ich sehe des öfteren Bilder wie dieses. Sie werden im Diabetesraum meist von Leuten verbreitet, die noch nicht lange Diabetiker sind und meinen, vor einer Wand zu stehen. Es gilt aber für alle Diabetiker. In dem Bild steckt
ein bisschen Verzweiflung. Und Humor. Denn ganz so kompliziert ist es nun doch nicht. Oder?

Machen wir es anschaulich:

Das Bild und ähnliche Darstellungen zeigen, warum ein Diabetiker selten sofort zugreift, wenn das leckere Essen frisch auf dem Tisch steht. Er/sie sitzt erstmal davor und scheint für die Außenstehenden in eine unbekannte Welt versunken. Das oder Ähnliches empfinden jedenfalls die, die dich sofort fragen, warum du nicht isst, nicht sofort zugreifst oder ob du etwa nicht magst, was da auf dem Teller liegt. Du zelebrierst aber gerad weder deine nicht vorhandene Abscheu gegen die Versuchung vor deinen Augen, noch führst du ein inneres Gebet, und schon gar nicht meditierst du plötzlich. Es sei denn, du bist Zahlenfetischist und meditierst gern über Zahlenreihen… eine wohl seltene Kombination. Doch darum geht es in diesen fünf bis fünfzehn Sekunden, bevor du zu Messer und Gabel greifst, während alle anderen am Tisch – miese Tischmanieren vorausgesetzt – schon längst ohne dich schlemmen und trinken: Es geht um Zahlen. Du meditierst nicht. Du analysierst und rechnest. Unter anderem.

Einschätzen, Fühlen, Voraussehen

Damit du weißt, wieviel Bolusinsulin dein Körper für die Verarbeitung der Mahlzeit benötigt, schätzt du ab, wieviel Kohlenhydrate vor dir liegen. Das machst du für jede Komponente des Mahls, einschließlich Getränke. Da gibt
es „sichtbare“ Kohlenhydrate, wie zum Beispiel Kartoffeln, Pasta, Gemüse, Brot, Säfte, und es gibt „unsichtbare“. So wirst du dich fragen, ob und wieviel Zucker in der Soße oder in der Wurst versteckt sein mag. Denken wir an Restaurantbesuche: Mit der Zeit weißt du, dass dir das Ab- und Einschätzen bei einem vegetarischen oder mediterranen Essen meist leicht fällt. Schwierig bis unmöglich wird es zum Beispiel beim Chinesen oder Franzosen. Woran liegt das? Es liegt genau an diesen unsichtbaren Kohlenhydraten, denn chinesische, französische und andere Küchen sind meist gespickt mit unsichtbaren Zuckerbestandteilen. In der Soße oder sonstwo. Sie sind damit selten wirklich berechenbar.

Wie abwägbar auch immer: Du hast diesen ersten kleinen Teil deiner Aufgabe erledigt. Du hast jetzt entweder eine grobe Mutmaßung, eine halbwegs sichere Schätzung oder die sichere Anzahl der Kohlenhydrate, die du trinken und verspeisen wirst.

Jetzt machst du dir noch ein paar andere Dinge klar. Sie alle dienen deiner verbesserten Einschätzung für die nötige Insulinabgabe. Ich vereinfache ein bisschen:

  • Du bedenkst deinen aktuellen Blutzuckerwert, den du am besten bereits vor dem Platznehmen am Tisch gecheckt hast, damit dein warmer Teller in der Denkzeit nicht zur Kaltschale mutiert.
  • Und wenn du erfahren und besonders sorgfältig bist, sinnierst du auch kurz über den wahrscheinlichen Punkt dieses Wertes auf deiner imaginären Blutzuckerkurve. Denn ein einzelner BZ-Wert für sich allein
    kann dich gewaltig täuschen.

Nebenbei klärst du noch folgende Parameter:

  • Die Tageszeit
  • Die Wirkungsdauer und Wirkungskurve der verschiedenen Mahlzeitbestandteile
    (hier spielen neben Kohlenhydraten zum Beispiel auch Fette eine Rolle)
  • Deinen aktuellen körperlichen, mentalen und vielleicht sogar seelischen Zustand
  • Die vergangene Zeit seit deiner letzten Mahlzeit
  • Die Zeit, die du an diesem Tisch womit verbringen wirst
    • Ist dies Fast Food oder eine 4-Stunden-Schlemmerei?
    • Gibt es mehrere Menügänge?
    • Überrascht der Gastgeber nach dem Essen gern noch mit Crème brûlée oder Mousse au Chocolat oder Bier-, Whisky- oder Zuckerlikörgelage?
    • Überhaupt: Trinke ich hier Alkohol?
    • Hab´ ich mich vorm Essen ausgiebig bewegt oder will ich gleich im Anschluss noch Sport treiben?
    • Genieße ich unter der Sonne bei 40 Grad Hitze oder sitze ich in Deutschland bei grauer Herbstkälte
      in der Küche?
    • Und so weiter. Die mögliche Komplettliste der zu beachtenden Dinge ist immer individuell und auf
      alle Fälle zu lang für einen Blogpost.
Rechnen

Zu deinem Ergebnis kommst du dann so oder so ähnlich (das unterscheidet sich nach Methodik):

  • Irgendwann hast du die Kohlenhydratanzahl, die du in BE, KE oder einen anderen Parameter umrechnest. Sofern du die Mahlzeit nicht gleich mit einem dieser Parameter eingeschätzt hast, was der Normalfall nach einiger Zeit Erfahrung mit dem Diabetes ist.
  • Jetzt multiplizierst du mit dem Tageszeitenfaktor und erhältst die Anzahl der Insulineinheiten, die du gleich spritzen wirst.
  • Und du entscheidest, ob du anhand der oben genannten oder noch ganz anderer Parameter nicht doch ein wenig mehr oder weniger spritzt.

Fertig. Du spritzt. Und greifst zum Besteck.

So einfach ist das ;-)

Zusammengefasst und oberflächlich betrachtet geht es bei der ICT* also nur um

  • die grundlegende Basiseinstellung über ein bis drei Stiche pro Tag
  • die Bolusberechnung für die jetzige Mahlzeit.
Bei der CSII* mit Pumpe ist es ähnlich. Aber völlig anders. Bleib neugierig – und schau rein: Teil 2

* ICT = Intensivierte konventionelle Therapie, CSII = Kontinuierliche subkutane Insulininfusion

Made with ♡ in Germany